Dez 31, 2012 - Allgemein    Kommentare deaktiviert für Meine erste Weihnachtsgeschichte

Meine erste Weihnachtsgeschichte

Guten Tag zusammen.

Eine Lokalzeitung hat in einer jüngeren Ausgabe seine Leserschaft dazu aufgerufen, ein Bild oder eine Geschichte zum Thema „Weihnachten“ zu entwerfen, welche in der Ausgabe vom 24.12.12 veröffentlicht werden sollte.

Daraufhin habe ich, nach diversen familieninternen Interviews (ich selbst habe leider nur noch bruchstückhafte Erinnerungen, weil ich einfach zu jung war), niedergeschrieben, wie ich mein erstes Instrument geschenkt bekam.

Dieses Erlebnis möchte ich Euch keinesfalls vorenthalten.

Was war ich damals froh als unser Pastor, nach einer gefühlten Ewigkeit auf der harten Kirchenbank, mit erhobenen Armen alle Anwesenden gesegnet hatte und zum Abschluss des traditionellen Gottesdienstes den finalen Titel anstimmte, den es gemeinsam zu singen galt. Mit den allseits bekannten Versen von „Alle Jahre wieder“ entließ er seine Schäfchen hinaus in den kalten Winterabend (nicht ohne sich an der Tür bei jedem mit Handschlag zu verabschieden; was ich ihm jedes Jahr auf´s Neue hoch anrechne).

Ohne Hast wanderten wir im Familienbund per pedes gen heimischer Wohnstube. Wie immer an diesen Abenden gaben sich bei mir zappelige Vorfreude und neugierige Erwartungshaltung die Klinke in die Hand.

Ich hatte im Vorfeld rechtzeitig einen formellen Brief „An den Weihnachtsmann“ verfasst und meine Mutter gebeten ihn bei nächstmöglicher Gelegenheit einzuwerfen. Sie kam schlichtweg öfters am Postkasten vorbei als ich.

In diesem Schreiben hatte ich den Schlittenfahrer zuerst höflich daran erinnert, dass ich das ganze Jahr hindurch überdurchschnittlich brav und artig gewesen war.

Anschließend hatte ich hinzugefügt, dass ich in diesen zwölf Monaten auch im Haushalt fleißig gewesen war und die Spülmaschine ganze vier Male ausgeräumt hatte. Dieses Engagement meinerseits hätte noch öfters stattgefunden, allerdings war ich damals noch zu klein um ohne Hilfe an die oberen Schränke (in denen Teller und Gläser lagerten) heranzukommen, weshalb ich einen Stuhl zuhilfe nahm. Beim ersten Mal war alles gutgegangen. Bei der vierten Gelegenheit hatte ich selbstverständlich bereits Routine entwickelt und stapelte weniger achtsam. Als Resultat forderte das Schicksal zwei zerbrochene Teller ein. Daraufhin entschied Mama, dass sie beim Weihnachtsmann ein gutes Wort für mich einlegen und meinen unerschrockenen Einsatz loben würde. Allerdings nicht mehr das Risiko eingehen wollte, dass wir am Heiligen Abend von Papptellern und aus -Bechern würden speisen müssen, nur weil ich sichergehen wollte das richtige Geschenk unter´m Baum vorzufinden.

Um etwaige geographische Schwierigkeiten auszuschließen, weil der Bärtige ja nicht unbedingt dafür bekannt ist schriftliche Rückfragen zu stellen, legte ich Adressen und Luftwegsbeschreibungen für eine aviatische Rentiertour zu diversen Kaufhäusern bei (damals gab es noch nichtmal Telefone mit-ohne Schnur, geschweige denn Navigationsgeräte).

Abschließend versprach ich hoch und heilig es mit der Lautstärke nicht zu übertreiben.

Bereits in unserer Auffahrt hatte ich die Klettverschlüsse meiner Stiefel geöffnet, was mich zu einer etwas linkischen Fortbewegung zwang; aber außergewöhnliche Situationen verlangten manchmal nach außergewöhnlichen Maßnahmen. Meine Schwester und ich hatten die Erwachsenen hinter uns gelassen und standen nun ohne Hausschlüssel vor unserer hölzernen Eingangstür, klingelnd und klopfend darauf brennend von Opa Einlass gewährt zu bekommen.

Opa öffnete die Tür und erklärte in bedauerndem Tonfall: „Kinder, ihr kommt leider etwas zu spät. Der Weihnachtsmann ist gerade wieder aufgebrochen.“ Auf seinen Zügen erschien ein ermutigendes Lächeln: „Aber er hat einiges für euch dagelassen. Kommt herein und schaut selbst nach.“

Nun gab es kein Halten mehr: die bereits geöffneten Schuhe wurden direkt auf der Fußmatte stehengelassen (immerhin würden unsere Eltern bald eintreffen und das Schuhwerk mit großer Wahrscheinlichkeit mit hineinbringen) und wir Kinder stürmten mit großen Schritten auf den schmalen Lichtspalt zu, der aus Richtung der nur angelehnten Wohnzimmertür in den Flur hinausschien.

Wir drückten die Tür etwas weiter auf und schlüpften der Wärme des von mildem Kerzenschein erhellten Raumes entgegen.

Dort stand er vor uns, von monumentaler Größe, glitzernd und reichlich mit Lametta und allerlei Figuren behangen: unser Weihnachtsbaum. Mit großen Augen starrten wir zum ihm empor. Bevor unsere Blicke etwas tiefer wanderten und auf Höhe des Standfußes hängenblieben.

Welcher allerdings nicht mehr zu sehen war, war er doch verborgen hinter aufgestapelten Paketen und Päckchen aller Größe, Form und Farbe. Jedes einzelne davon säuberlich mit einem Etikett versehen, auf dem der Empfängername verzeichnet war.

Was mich für meinen Teil nicht im Mindesten davon abhielt schnurstracks auf das mit Abstand Größte zuzusteuern: einen rundherum in goldbesterntem Geschenkpapier eingehüllten Quader. Beinahe ebenso groß wie ich selbst würde der Transport für mich eine ernstzunehmende Herausforderung darstellen. Was ich jedoch überhaupt nicht vorhatte.

Mit einem entschlossenen Ruck befreite ich den Karton an Ort und Stelle vom sorgsam gefalteten Papier und legte ein originalgetreues Vorschaubild der in der Verpackung lagernden Krawallquelle frei: mein lang- und heißersehntes Schlagzeug.

Lange hatte die Euphorie unter der Oberfläche gebrodelt, nun suchte sie sich ein Ventil. In Form eines martialischen Freudenschreies, der sowohl die offensichtliche Verlässlichkeit des Postweges mit sich trug, als auch die ehrliche Begeisterung darüber, das so sehr gewünschte Instrument auch wirklich bekommen zu haben.

Von den Flügeln der Agonie getragen rannte ich Runde um Runde durch´s Haus, mit den immergleichen Worten auf den Lippen: „Ich hab´s gewusst, ICH HAB´S GEWUSST!“

Ob dieser Szenerie sparte sich mein Vater den Vorschlag, den die meisten Väter am Weihnachtsabend in den Raum warfen: das Geschenk erst am folgenden Morgen auszupacken / zusammenzubauen / auszuprobieren, um den Abend noch ohne Stress und Hektik ausklingen lassen zu können.

Während derweil die restliche Familie ihre Geschenke bestaunte, verfrachteten Papa und ich mein neues Spielzeug in mein Zimmer und setzten die Einzelteile flugs zusammen.

An diesem, und den meisten darauffolgenden, Tagen tobte ich mich mit ungebrochener Inbrunst auf allen verfügbaren Trommeln und Becken aus; bestimmt in Zimmerlautstärke, soll heißen: es war zu jedem Zeitpunkt möglich das Zimmer, aus dem der Krach kam, zweifelsfrei zu bestimmen.

Zu meinem großen Bedauern war die Konstruktion nicht für die Ewigkeit konzipiert worden, weshalb vor allem das Stativ des Beckens (das, unter anderem, zur „Einleitung“ des bevorstehenden Musikstückes, in der Regel viermal, in der zu spielenden Geschwindigkeit angeschlagen wird) nach kurzer Zeit bleibende Schäden davontrug und mehrmals repariert werden musste.

Abschließend steht die Frage im Raum ob sich das Ertragen meiner ersten Musizier-Versuche vonseiten meiner Familie und Nachbarn gelohnt hat: Ja, das hat es. Ich habe meine damals entdeckte Leidenschaft für die Musik nie verloren und bin heute, rund zwanzig Jahre später, ambitionierter Gitarrist 😉

Und auch heute ist meine Lieblingsstelle jedes Stückes die „Einleitung“, in welcher der Schlagzeuger das Becken malträtiert, und damit sowohl die Spielgeschwindigkeit angibt, als auch die Vorfreude auf den Titel in den vier Takten vor Spielbeginn noch steigert und dramatisiert.

Absolut klasse fand ich dann natürlich, dass dieses Erlebnis meinerseits es tatsächlich bis in die Ausgabe am Heiligen Abend geschafft hat.

Ich verabschiede mich und bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit.

der_micha

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