Okt 11, 2012 - Allgemein    No Comments

„Und bevor Sie sich selbst, oder gar mich, über den Haufen schießen…“ – Bundeswehr 2

Freunde, dass ich direkt in meiner ersten Woche in Uniform einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hab, habe ich ja bereits in der letzten Folge erzählt. Während der nachfolgenden Wochen gab es für uns viel Theorieunterricht, wie das halt in der Grundausbildung so der Fall ist 😉 Nicht unbedingt weil wir besonders begriffsstutzig waren, sondern weil sichergestellt werden sollte dass wirklich jeder von uns eine gewisse Vorstellung davon hatte welche Seite des G36 (Standard-Sturmgewehr jedes Soldaten [für die Videospieler unter uns: das „Gewehr für alle Klassen“]), der P1 (Standard-Pistole derselben Zielgruppe) und des MG3 (Standard-Maschinengewehr) hinten ist, und auf welcher Seite die Blauen Bohnen rauskommen, von der jede einzelne schneller laufen kann als der Kamerad auf den man damit im ungünstigsten Fall versehentlich zielt.
Und um in diesem Bereich Präventivarbeit zu leisten verbrachten wir eine Menge Vormittage sitzend.


Das klingt auf den ersten Blick zwar nicht unbedingt anstrengend auf den zwoten erkläre ich euch aber gern die Schwierigkeit:
Ihr könnt davon ausgehen dass der Tag eines Rekruten im Vorzeige-Elitezug der Kompanie anfangs ca. 16 Stunden hat (inklusive Frühstück, Mittag und Abendessen; und Ihr könnt mir glauben: das fühlt sich in echt noch länger an als auf dem Papier). Plus nochmal 1 – 2 Stunden um nach dem Ausbildungstag Klamotten und Ausrüstung zu reinigen. Bleiben nach meinem Taschenrechner rund 6 Stunden Zeit um die Typen bei der Bettwäscheausgabe vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren.
Nach den ersten vier Wochen wirds aber schon etwas ruhiger.
Ihr werdet also nachts um 6:00 Uhr vom diensthabenden Unteroffizier mit der vertrauten Anweisung „1. Zuuuuug! Auuuuuufsteeeeh´n“, geweckt.
Anschließend springt Ihr in Eure noch von gestern reichlich nach Mensch duftende Uniform, Morgenappell (das ist kein Frühstückssmoothie sondern bedeutet „in einer Reihe antreten“, etwaige Krankheitsfälle werden registriert und ein grober Tagesablauf wird bekanntgegeben), es wird vor dem Gebäude in Reih und Rotten (-das- zu erklären fehlt mir sowohl Zeit als auch Papier) Aufstellung bezogen um in die Kantine zu verlegen (dies bedeutet keineswegs die Nacht in einer falsche Lage verbracht zu haben, sondern ist in dem Tarnverein das Synonym für einen Standortwechsel).
Nach dem Frühstück wird dann weiter verlegt zu den Unterrichtsräumen, in denen Ihr 60 Minuten lang auf Euren vier Buchstaben sitzt und Euch wahnsinnig aufregende Ausführungen, zum Beispiel über diverse Waffenkaliber, den Bau eines Brückenkopfes sowie dem vorgeschriebenen Verhalten bei einem Giftgasangriff (so nach dem Motto: „Lektion 1: vermeiden Sie es zu sterben“) anhören dürft. Ihr lauscht dann Vorträgen verschiedener Redner Minute um Minute, Stunde um Stunde. Und macht euch Notizen nach eigenem Gutdünken.
Ich könnte mir in meinen Popo beißen dass ich meine Notizbücher entsorgt habe, denn die Dinger waren ein unersetzliches Artefakt. Nicht wegen dem Inhalt, sondern weil in spätestens jedem zweiten Satz mitten im Wort ein senkrechter Strich in sanftem Bogen nach unten führt. Wo der herkommt? Sowas entsteht wenn Ihr mitten beim Niederschreiben des Wortes einschlaft 😛 quasi ein synchrones Zusammenspiel von Kopf und Stift, die gleichzeitig ihren kurzen Weg Richtung Süden antreten. Jeweils vielleicht zwei Zentimeter weit, bevor man hochschreckt und sich verlegen umschaut ob und wer das gesehen hat. Und wer dies nicht unauffällig genug anstellt, bekommt vom Vortragenden direkt im Anschluss des Hochschreckens den Spezialauftrag die Betonplatten, aus denen der Fußweg rund um das Gebäude besteht, auf Spaltmaße zu überprüfen. Wobei im Vorfeld keinerlei Zeitfenster dafür festgelegt wird, dieses sucht sich der Auftraggeber aus sobald der Kontrolleur zurückgekehrt ist. Ist er dieser Aufgabe zu inbrünstig nachgegangen und war zu lange unterwegs, bekommt er freundlicherweise direkt noch eine Chance seine Zeit zu verbessern. Vorbildlich.
Fazit: zur Ruhe kommen ist für den Aufmerksamkeitsgrad des durchschnittlichen Soldaten eher kontraproduktiv.
Nun habt ihr eine gewisse Vorstellung davon mit welchen fundierten Grundkenntnissen sich so mancher an scharfe Waffen getraut hat.
Parallel zu den Unterrichtseinheiten gab es natürlich noch viel Praxistraining im Unterrichtsraum. Immerhin muss man ja neben den Seiten namens „da wo die Bohnen rauskommen“ und „hinten“ noch die Seite kennen „wo das Magazin reingehört“; und ein paar andere Kleinigkeiten kamen außerdem dazu.
Und kurze Zeit später erfolgte der erste Ausflug auf den Schießstand.
An einem vernieselten Donnerstagmorgen formierten wir uns wie gewohnt vor unserer Wohnbaracke und machten uns unter der Führung des wohlbekannten und aus mir unbekannten Gründen besonders mies gelaunten Feldwebels (jupp, der Tag begann bereits beschissen und wurde auch für niemanden schöner), auf den Weg zum Schießstand.
Dort angekommen wurden wir nach Alphabet auf die Bahnen fürs P1-, G36- und MG3-Schießen verteilt.
Ich selbst musste mich, zusammen mit einer Hand voll Kameraden, gedulden, wir wurden angewiesen uns im „Warteraum“ aufzuhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gedacht dass ein „Raum“ immer aus Wänden und einem Dach besteht, was ein prima Regenschutz gewesen wäre. Nun, dem ist keinesfalls immer so, ein Warteraum bei der Bundeswehr kann auch gern mal aus am Boden liegenden Baumstämmen bestehen, die mit Absperrband umzäunt sind. Ihr könnt euch vorstellen dass ein solcher „Raum“, bei dem die Beschreibung „Bereich“ sehr viel treffender wäre, an einem nieseligen vormittag einen überschaubaren Begeisterungssturm auslöste.
Wir saßen also zu zehnt in unserem Warteraum auf unseren Baumstämmen während der Nieselregen unablässig auf uns herabfiel. Die Launen waren ebenso durchnässt wie unsere Klamotten.
Alsbald kam ein Stabsunteroffizier zu uns, offensichtlich dazu abgestellt uns zu beschäftigen. Er zeigte dieses eine Lächeln, das immer dann entsteht wenn man mit einem bestimmten Auftrag zu einer Gruppe Auszubildender unterwegs ist und davon ausgehen kann dass mindestens 1 Glückspilz aus deren Reihen unfähig ist zwischen den Zeilen zu lesen. Zu unser aller Überraschung (meiner wie Eurer) war ich es diemal nicht der sich für dieses Los entschied.
Mit diabolisch-erwartungsvollem Unterton fragte er nach dem allgemeinen Befinden und ob jemand fror (was für ein lächerlicher und völlig abwegiger Gedanke bei tropischen 12° Außentemperatur und weiterhin andauerndem Nieselregen, der bereits locker bis in jede Unterbuxe vorgedrungen war). Die Regentropfen lösten sich von unseren Nasenspitzen als wir alle die Köpfe schüttelten und im Chor verneinten. Alle bis auf einen. „Also ein bisschen kalt ist mir ja schon…“, erwiderte der hellste unserer Truppe leicht bedröppelt.
Wir anderen stöhnten auf und überschütteten das Weichei mit gerechtem Zorn: „Meinst du irgendwer stellt hier ´ne Heizung auf, oder was hast du erwartet?!“
Der Unteroffizier hingegen rieb sich triumphierend die Hände: „Meine Herren, Sie stimmen mir sicherlich zu dass wir unseren Kameraden nicht leiden lassen können. Also: entweder wir veranstalten ein gepflegtes Gruppenkuscheln oder wir probieren es für den Anfang mit aufwärmender Morgengymnastik.“
Murrend fügten wir uns in das (_mehr oder weniger_) selbst eingebrockte Schicksal und absolvierten das anstehende Programm aus Kniebeugen, Hampelmännern und Liegestützen.
Kurz darauf waren die ersten von uns mit der praktischen Waffenausbildung an der Reihe. Meinen Anfang machte ich am MG3. Dieses lag schussbereit und gesichert auf einer tarnfarbenen Plane am Boden. Ich begab mich also hinab in den Dreck und legte den Gewehrkolben an meiner Schulter an.
Ausbilder: „Legen Sie sich richtig rein in das Gewehr, lassen Sie keinen Raum zwischen Schulter und Kolben frei. Ob Sie wissen wie es richtig geht sehen Sie heute Abend wenn Sie vor dem Spiegel stehen.“
Um besser Druck ausüben zu können war am Fußende ein Holzbalken verankert, an diesem konnten wir uns abstützen, denn im normalen Boden findet man nur schwerlich Halt.
Wir sollten pro Salve möglichst wenig Kugeln rausballern, 3 – 5 Stück waren angesetzt. Das allerdings ist weitaus einfacher gesagt als getan. Der Rückstoß sorgt nämlich dafür dass Ihr euch reflexartig an dem Griffstück festklammert und das Loslassen des Abzugs sich dementsprechend verzögert.
Unsere Zielscheibe war eine DIN-A4-Pappe mit verschiedengroßen, verstreuten Kreisen. Von diesen konnten wir uns einen aussuchen und ihn nach Herzenslust zerstören. Falls wir ihn denn träfen.
Ich suchte mir im Stillen den Kollegen links oben heraus, legte an. Das Zielen über Kimme und Korn ist schwierig, aber machbar.
Gerade rechtzeitig entsann ich mich dass ich um Himmels Willen auf die Feuerfreigabe des Ausbilders zu warten hatte. Wäre mit Sicherheit genauso lustig geworden ohne Genehmigung loszuballern wie es ist, wenn man (wie man aus quasi jedem Film _weiß_) eine beliebige Waffe mit einem Magazin lädt und dieses anschließend mit dem Handballen in die finale Position prügelt.
Ausbilder: „Feuerfreigabe erteilt!“. Ich zielte, hielt den Atem an und drückte ab.
Es fühlte sich an als hätte ich die Hörner eines nervösen Stiers in den Händen der gerade Schluckauf bekam. Der Rückstoß trieb mich gute zwei Zentimeter zurück, obwohl meine Stiefelsohlen längst auf dem Balken ruhten und ich alles angespannt hatte was ich anbieten konnte. Nicht genug für diese Bleispritze.
Ich versuchte krampfhaft meine Hand nicht zu verkrampfen, nach sieben oder acht Patronen schaffte ich es loszulassen.
Ausbilder: „Das ist okay. Schauen wir nach wie hoch Sie verloren haben.“ Er betätigte die Seilkonstruktion und die Zielscheibe machte sich auf den Weg zu uns. Während des Transportes spähte er bereits durch seinen Feldstecher und verkündete: „Treffer. Gar nicht schlecht für´s erste Mal“. Ich hatte wenig Mühe meine Euphorie im Zaum zu halten, denn bei meinem Glück hatte ich zusätzlich zu der Scheibe noch einen Notfallsanitäter oder eine ganze Gruppe Kindergartenkinder mit erwischt 😛
Erfreulicherweise sollte ich mich allerdings irren. Die Scheibe kam bei uns an und war von einer Handvoll Löcher durchbohrt. Der Kreis links unten war an der Unterseite gerade eben so von einer Kugel durchbrochen, die restlichen Löcher waren drumherum wild verteilt. An sich ein Grund zufrieden zu sein. Zumindest wenn ich auch auf diesen unteren Punkt gezielt hätte, was aber nicht der Fall war. Ich hatte etwas getroffen worauf ich gar nicht gezielt hatte, beziehungsweise mein ursprünglich anvisiertes Ziel um ein gutes Stück verfehlt. Und das war gar nicht mal so gut :-/ zumindest wenn irgendwer außer mir zum besagten Zeitpunkt etwas davon erfahren hätte.
Lobenswerterweise bekam ich während meiner Wehrdienstzeit Gelegenheit neben meinem Taschenmesser auch meinen Verstand zu schärfen. Nun, ein klein wenig zumindest… Selbstverständlich hab ich´s nicht übertrieben, schließlich wollte ich nicht riskieren mich an dem einen oder anderen zu schneiden 🙂
Jemand anders hingegen schritt weitaus weniger leichtfüßig durch das Minenfeld dämlicher und unvorteilhafter Äußerungen; richtig: unser Bibbernder Bruder.
Ich hab seine Aktion nur am Rande mitbekommen, beziehungsweise bei der Berichterstattung eines Kameraden mitgehört. Er war an der Reihe gewesen, hatte seine Salve rausgehauen und nach der Inspektion der Zielscheibe festgestellt dass er ebenfalls getroffen hatte, ebenfalls eine Ecke die er weder im Sinn noch im Visier gehabt hatte. Und jetzt kommt der kleine aber feine Unterschied zu mir: Er war clever genug das Maul aufzumachen. „Oh, da hab´sch ja gar nich´ hingezielt O.O“.
Ausbilder: „Waaaass? Wohin denn sonst?“
Ernst-August hat ihm dann wohl das angepeilte Ziel gezeigt, das sich von seinem Treffer vor allem durch die Position auf der Scheibe unterschied. Und sehr kurze Zeit später mussten alle Rekruten vorher ansagen worauf sie zu zielen gedachten.
Mir war das natürlich reichlich egal, ich war froh das Maschinengewehr hinter mir zu haben. Jedoch hört ich den einen oder anderen hingebungsvollen Fluch, nicht selten über große Entfernung hinweg. Junge, Junge…. Sergeant Schniefnase sammelte am ersten Tag gemeinsamer Ausbildung schon reichlich Punkte… Aber damit blieb er nicht lange allein, denn für mich ging es direkt weiter zur Handfeuerwaffenausbildung.
Dort angekommen gab mir der Ausbilder eine Einweisung für diesen Schießstand. „Lektion 1: Versuchen Sie niemanden zu erschießen, nicht sich selbst, niemand anderen und schon gar nicht mich, kapiert?“. Gut dass der Mann mich noch rechtzeitig auf letzteren Punkt hingewiesen hat.
Ich stellt mich vorschriftmäßig hin, kontrollierte den Sicherungshebel. Der Ausbilder hielt mir seine offene Handfläche hin, obenauf lagen die Patronen, acht Stück. Ich übernahm diese vorschriftmäßig, füllte das Magazin, führte es in die Waffe ein und lud über den Verschluss die erste Kugel in den Lauf. Die Mündung blieb die ganze Zeit über gen Boden gerichtet.
Hatte ich erwähnt dass ich den Sicherungshebel auf seine korrekte Position kontrolliert hatte? Ich hatte ihn kontrolliert. Ist dies gleichbedeutend mit „der Hebel ist dort wo er sein soll, damit er dafür sorgen kann dass die Waffe auch tatsächlich gesichert ist“? Gute Güte, natürlich nicht; zumindest nicht in meiner Welt… Auf Höhe des Hebels lächelte mir eine orange-rote Markierung entgegen; diese besagt dass die Waffe ungesichert und feuerbereit ist.
Wie reagiert der geneigte Rekrut um diesen Umstand zu optimieren? Er versucht hektisch-diskret mit der Linken die Stellung des Hebels zu verändern.
„[der_micha], was machen Sie da? Finger weg vom Sicherungshebel. Sowas macht mich nervös; und das wollen Sie sicher vermeiden.“ – „Herr Feldwebel, der Sicherungshebel ist nicht in vorgeschriebener Stellung für den vorgeschriebenen sicheren Zustand meiner Waffe, diese ist derzeit schussbereit“, antwortete ich sachlich.
„Was meinen Sie eigentlich was Sie hier machen sollen?! Lassen Sie den verflixten Hebel wo er ist, oder wollen Sie die Patronen von Hand werfen?“, sein Tonfall bekam langsam eine ungeduldige Nuance, „Nein? Prächtig, dann durchladen, entsichern“, (was längst der Fall war, hörte mir der Mann eigentlich zwischendurch mal zu…?), „Hahn spannen, Feuerfreigabe erteilt, machen Sie was draus. Es wäre zauberhaft wenn wir den Spaß hier über die Bühne bringen könnten bevor ich in´s Rentenalter reinrutsche, im Mannschaftsheim wird gerade meine heiße Milch mit Honig kalt, also hören Sie auf mir zuzuhören und FANGEN SIE ENDLICH DAMIT AN ANZUFANGEN!“
Hätte der gute Mann geahnt dass ich sehr kurze Zeit später beinahe der Grund dafür geworden wäre dass er jahrelang umsonst in seine Rentenkasse eingezahlt hatte, er hätte vermutlich weniger Stress geschoben…
Ich weiß nicht wer von Euch schonmal eine Handfeuerwaffe in der Hand gehalten hat, beziehungsweise mit einer solchen schonmal geschossen hat, deshalb eine kurze Erläuterung: wenn man die Pistole abfeuern will solange der Hahn in Ausgangsposition ist muss man eine Menge Kraftaufwand betreiben, was nahezu automatisch dazu führt dass Ihr die Waffe im Moment des Abschusses verreißt. Also wird der Hahn von Hand (beziehungsweise Daumen) gespannt. Nun ist die Waffe geladen (Patronen in Magazin + Lauf), entsichert (der Sicherungshebel, Ihr erinnert Euch?) und gespannt (gerade erläutert) und könnte von einem unvorsichtigen Schmetterling abgefeuert werden. Und in genau diesem Zustand befand sich nun der Ballermann in meiner zitternden Hand.
Vor mir standen zwei Pappkameraden (die heißen nur so, gefertigt sind sie aus Metall, sonst würden sie bei Beschuss nämlich nicht umfallen) in vielleicht zehn Metern Entfernung, bereit von mir über den Haufen geballert zu werden.
Ich hob die Waffe mit beiden Händen, zielte über Kimme und Korn und gab zwei sauber gezielte, kontrollierte Schüsse ab. Die metallenen Ziele landeten prompt und unspektakulär im Dreck.
Der Feldwebel brummte: „In Ordnung. Das nächste Mal passiert das ganze dann in normaler Geschwindigkeit, dann bleiben wir weiter Freunde und Sie verzichten darauf in mir den Wunsch zu wecken vor langer Weile im Kreis zu kotzen. Die Waffe sichern, entladen und WEEEGtreten!“
Meine Freunde, eines hatte ich noch nicht erwähnt: sofern eine Handfeuerwaffe mit zuvor „eingerastetem“ (/gespanntem) Hahn abgefeuert wurde, springt dieser automatisch wieder in die Arretierungsposition zurück und ist so wieder ebenso sensibel wie eine kürzlich bloßgelegte Eichel (also ich meine die Dinger die sich [im Herbst] neben den Nüssen befinden und erst so richtig zum Vorschein kommen sobald der Bewuchs drumherum verschwunden ist; sollte klar sein). So ist es mit geringstem Kraftaufwand möglich alle verfügbaren Schüsse bemerkenswert schnell hintereinanderweg abzugeben (diese Eigenschaft steht allerdings eher in Antivalenz zur erwähnten Eichel-Sorte, aber ich schweife ab…).
Ich versuchte just meinen Anweisungen folge zu leisten und die Knarre zu sichern. Was nicht klappte. Instinktiv suchte ich mit dem rechten Zeigefinger nach Halt um mit dem Daumen den Hahn zurückschnappen zu lassen (man wird dazu angehalten die Waffe mit einer Hand statt mit zweien zu bedienen).
Der einzige Grund aus dem ich die Nacht, und die angrenzenden Wochen, nicht wegen grob fahrlässigen Mordes im Militärgefängnis verbrachte war der, dass ich den Lauf der Pistole bereits wieder Richtung Boden hielt.
Ich fummelte mit zu vielen Fingern an der Waffe herum und sorgte so dafür dass „ein Schuss brach“ (das ist die Bundeswehr´sche Umschreibung für „ein Schuss hat sich gelöst“, in diesem Fall wäre allerdings „die Blaue Bohne hat sich auf den Weg in Richtung Deines Vorgesetzten gemacht und nur Dank eines günstigen Zufalls hat dieser keinen unnötigen zweiten Bauchnabel kassiert“ treffender gewesen).
Die Kugel schlug harmlos eine gute Penislänge (also knapp 22 Zentimeter) vor meinem Ausbilder in den Grasboden ein.
Während ich noch bis über beide Ohren damit beschäftigt war Schrecken und Schock zu überwinden, ging mein Beinahe-Opfer weitaus pragmatischer vor: Er nahm mir die Waffe aus meinen widerstandsfreien Händen, allerdings nicht auf die Art als wolle er sagen: „Scheiße nochmal! [der_micha]! Was soll der Scheiß?! Sie hätten mich scheiße-nochmal beinahe über den Haufen geballert! Sie fassen hier nie wieder etwas geladeneres als eine Batterie an, IST! DAS! ANGEKOMMEN?!“
Nein, keineswegs. Stattdessen entnahm er meinen kraftlosen Fingern die Pistole eher… „genervt“, und sagte: „[der_micha]! Was soll der Quatsch? Geben Sie das Ding her, Sie haben offensichtlich sowieso keine Ahnung wie man es richtig benutzt. Und bevor Sie sich selbst, oder gar mich, über den Haufen schießen gehen Sie mir aus den Augen und melden Sie sich bei der Schießbahn für´s G36. WEEEGtreten.“
Immer noch reichlich perplex machte ich mich wie befohlen auf den Weg zum Sturmgewehr. Natürlich getragen von den strahlend-weißen Schwingen der Selbstsicherheit, da ich ja gerade eben das Pistolenschießen schon so glänzend abgeschlossen hatte :-/
Freunde, ich ziehe ein 2/3-Fazit: Ich hatte mit einem schweren Sturmgewehr ein Ziel getroffen auf welches ich nicht gezielt hatte, als Steigerung hatte ich mit einer Handfeuerwaffe um eine Unterarmlänge meinen Ausbilder verfehlt, der mich nach Absch(l)uss ohne zu zögern zum Sturmgewehr weitergeschickt hatte. Nunja, gerechterweise muss man einräumen: Was hätte er sonst machen sollen? Mich disqualifizieren wegen überdurchschnittlich hoher Lebensgefahr für alle Kameraden um mich herum? Mal ehrlich: ich hab mich nicht drum geprügelt bei dem Verein mitmachen zu dürfen, also bitte…
Ich kam am finalen Schießstand an und hätte um ein Haar frische Unterwäsche anfordern müssen: Die Ausbildung oblag dem ehrfurchtgebietenden, hochqualifizierten, in aller Regel nicht zum Spaßen aufgelegten und allseits bekannten Feldwebel, bei dem ich bereits an meinem gefühlten ersten Tag in der Kaserne einen gewissen, nicht wirklich beneidenswerten, Eindruck hinterlassen hatte. Ihm zur Seite stand sein HiWi, ein Unteroffizier.
Ich wurde jedoch nichteinmal schief angeschaut (vielleicht gab es schlichtweg zu viele Rekruten die ordentlich Mist bauten als dass er sich jeden einzelnen hätte merken können…), stattdessen bekamen wir Anweisung die uns zugeteilten Gewehre in Anschlag zu bringen (also quasi am Riemen umhängen und mit beiden Händen dran festhalten), uns wurde die benötigte Munition ausgehändigt, wir füllten die Magazine, luden und sicherten die Waffen.
Ich schreibe in der Mehrzahl weil diese Übung zu zweit absolviert wurde.
Der Feldwebel erklärte uns den Ablauf: Wir würden nebeneinander auf möglichst gleicher Höhe den Parcour entlangmarschieren, die Waffen im Anschlag halten. Die ersten (wie immer metallenen) Pappkameraden würden wir im Stand erlegen, auf Befehl würden wir die darauffolgenden aus der Hocke heraus auf´s Korn nehmen und zuletzt würden wir uns aus der Hüfte feuernd unserer Haut erwehren. Letztere Methode findet zum Beispiel Verwendung wenn man als Soldat entweder nicht genug Zeit zum präzisen Anvisieren hat, oder wenn der Feind bereits auf „Armeslänge“ heran ist.
Mein Partner bei dieser abschließenden Übung war übrigens „the unholy son of frostbitten norwegian darkness“, Kollege Schnürschuh (der eigentlich „Martin“ hieß und vermutlich immer noch fror).
Wir positionierten uns wie befohlen nebeneinander an der Schießbahn´s Anfang, bekamen sowohl Feuerfreigabe als auch Marschbefehl und begannen fröhlichst unsere metallischen Gegenspieler einen nach dem anderen umzumähen, auf Schritt und Tritt verfolgt von Feldwebel und Unteroffizier.
Nun kam der schwierige Teil: Die bisherigen Pappaufsteller hatten wir recht zielgenau aus dem Weg geräumt. Mein Problem bestand vielmehr darin dass uns niemand angekündigt hatte auf wieviele Feinde wir stoßen würden, welcher Art diese Feinde waren, wo sie sich verstecken würden, wie weit wir in deren Gebiet vorzudringen hatten oder woran wir überhaupt erkennen sollten dass wir gewonnen hatten. In nahezu allen Punkten herrschte eine gewisse (und reichlich ungünstige) Unsicherheit. Ich vermutete dass ich auf eine entsprechende Frage eine weitere überflüssige Antwort bekommen hätte und sparte mir den Atem.
Bisher hatten wir uns ganz gut geschlagen. Weshalb der Abzugsfinger immer nervöser wurde, denn zumindest ich wollte unsere Serie nicht einreißen lassen. Denn: Auch wenn keiner von uns beiden auf Notwehr plädieren konnte, weil die Gegner logischerweise nicht zurückschießen-, beziehungsweise überhaupt das Feuer eröffnen konnten, herrschte trotzdem ein gewisser mentaler Druck bei der Befriedung unserer Gegenüber ein gewisses Zeitfenster nicht zu überschreiten.
Wir hatten die offiziellen gegenerischen Stellungen ein paar Meter hinter uns gelassen und die Übung scheinbar beendet. Da jedoch weiterhin keiner der Ausbilder ein „Mission erfüllt“-Schild aus der Tasche holte näherten wir uns weiter der Hecke die den Blick auf den Kugelfang, in Form eines dahinterliegenden Erdwalls, verdeckte. Und in dieser Hecke meinte ich die vertraute humanoide Form eines weiteren pulsfreien Feindes ausgemacht zu haben. Mein geschulter Lucky-Luke-Abzugszeigefinger, durch jahrelanges Training mit diversen Videospielen verlässlich getrimmt, zuckt reflexartig und entlockt meinem Gewehr einige wenige Kugeln die in das Unterholz einschlagen. Nicht allerdings in einen Feind, denn von einem solchen war weder auf den zweiten, noch auf weitere Blicke hin etwas zu sehen. Demnach hatte ich das Feuer auf friedliches Buschwerk eröffnet. Ob der Feldwebel wohl darauf einging? So im Sinne von: „Rekrut, warum haben Sie Kugeln in einer friedlichen Hecke verteilt?!“ – „Naja, es war mehr ein Versehen, ich dachte ich hätte einen Feind gesehen der mir äußerst aggressiv und beunruhigend unsympatisch entgegengestarrt hat und da sind die mir so rausgerutscht.“ „Aus Versehen zu schießen“ klingt noch ´nen Zacken bescheuerter als „aus Versehen _daneben_ zu schießen“, wie es mir beim MG3 passiert ist.
Hätte ich auf die Art und Weise reagiert, die uns im Vorfeld während diverser Trainingsstunden eingebläut wurde, wäre der Vorfall sogar noch ein wenig interessanter verlaufen. Ich hätte nämlich den derzeitigen Feuermodus „E“ wie Einzelschuss meines Sturmgewehres in „F“ wie Fun (Dauerfeuer) umgestellt, die Flinte bis auf die letzte Patrone leergeschossen, sie in bester Matrix-Manier beiseite geworfen (allein dafür schon hätten mich die anwesenden Dienstgrade in Grund und Boden gebrüllt), meine Handfeuerwaffe (die ich nicht hatte) gezogen, deren Ladung in den Feind (den es nicht gab) gepumpt, die Waffe in Windesweile zerlegt und deren Einzelteile dem Feind entgegengeschmettert (über eine Distanz von ungefähr zehn Metern kein großes Problem), bevor ich ihn brüllend über den Haufen gerannt hätte und mit meinem Klappspaten (der sicher aufgehoben bei meinem Kampfrucksack im Warteraum außerhalb meiner derzeitigen Reichweite lagerte) auf dessen Überreste eingedroschen hätte, während ich auf seine Kapitulation gewartet hätte. Hättehättehätte. Und was tat ich nun? Etwas ähnliches. Nämlich nichts.
Ganz anders der Feldwebel,  der nämlich in diesem Moment Luft holte um das Haus der Drei Kleinen Schweinchen umzupusten.
„Panzergrenadier [der_micha]! Was soll der Unsinn?! Warum haben Sie in die Hecke reingeballert?! Die Übung ist vorbei!“ Und woher sollte ich das bitte wissen??
Ich packte das uns ewig vorgebetete Credo („Wenn schon Scheiße, dann Scheiße mit Schwung!“) bei den Eiern und hielt mit einem entschlossenen „Äh…“ dagegen.
„Antworten Sie mir!“ – „Herr Feldwebel, ich war mir sicher ich hätte im Dickicht einen Feind gesehen.“ Er starrt erst mich, dann die Hecke ungläubig an. „Da drinnen?!“, vergewissert er sich. „Da ist niemand drinnen.“
Das war mir mittlerweile auch klargeworden.
„Jawohl Herr Feldwebel, das kann ich nur bestäti-„
„Sie brauchen mir nichts zu bestätigen was ich auch ohne Ihre Unterstützung weiß!!“
„Jawohl Herr Feldwebel“, gebe ich ihm Recht. Was soll ich auch sonst sagen? „Gut erkannt Keule. Da jetzt ja Einigkeit herrscht können wir mit unserem Programm langsam fortfahren, was meinste?“ ? Jup, für Selbstmordkandidaten eine komfortable Methode sich etwas Mühe abnehmen zu lassen.
„Ist Ihnen in jüngster Vergangenheit mal aufgefallen dass Ihnen ausschließlich Gegener entgegenspringen die in dezentem neon-orange getarnt sind?“
„Jawohl Herr Feldwebel.“
„Ich kann in der Vegetation dort drüben keinen Funken orange entdecken, Sie etwa?!“
„Nein, Herr Feldwebel.“ Kann ja sein dass du deine Lesebrille heute morgen noch nicht auf der Geiernase spazieren getragen hast als du die Spielsachen für unseren Ausflug ausgesucht und in deiner Handtasche verstaut hast, und zu den orange-farbenen Briefbeschwerern haben sich ein paar oliv-getarnte dazugesellt, dachte ich trotzig.
Man gewöhnt sich nach einer Weile in dem Verein ein gewisses Fell an, weil man eigentlich immer was falsch macht, und wenn nicht alles, dann doch meist das meiste.
Eine herrische Stimme holte mich aus meinen Gedanken zurück.
„Unteroffizier [Name]! Feldstecher!“, verlangte der Feldwebel. In gewissen Stresssituationen werden Sätze, die normalerweise aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehen, auf das Nötigste heruntergebrochen.
Mein Blick irrte unsicher zwischen den Dienstgraden hin und her. Trotz seiner Überraschung beeilte sich der Angesprochene dem Befehl nachzukommen und das verlangte Gerät zu überreichen.
Nach kurzem Studium des vor uns liegenden Blattwerkes stutzte der Meckerfritze.
„[der_micha]! Ich glaub´ ich lüge! (gängige rhetorische Redewendung im Sinne von „Du lieber Himmel…“, „Meinen Sie das ernst?!“ oder „Wollen Sie mich verarschen oder was?!“). Sie hätten den Bastard glatt umgehauen!“, diagnostizierte er.
Ich konnte nicht anders als fragend zu dem Unteroffizier hinüberzuschauen, der die Augen zusammenkniff und, ebenso wie ich, vergeblich zu finden versuchte was der Feldwebel scheinbar gefunden hatte. El Martino hatte eine ganze Kiste voller Fragezeichen im Gesicht stehen, das Rattern der Zahnräder drang bis zu mir herüber.
„Meine Herren“, Geiernase hob die Stimme und wir beide standen in Sekundenbruchteilen so stramm dass die Gewehre mit unseren Kronjuwelen um die Wette pendelten. „Sie haben diesen Teil der Ausbildung bestanden. Die Waffen werden entladen und gesichert und ordnungsgemäß abgegeben. WEEEEGgetreten!“
Bis heute weiß ich nicht ob der Typ mich verarschen wollte oder schlicht eingesehen hat mir gegenüber übertrieben zu haben und so die Wogen glätten wollte.
Wir verbrachten den restlichen Tag in wechselnder Gesellschaft im Warteraum. Kurz vor unserem Aufbruch Richtung Kaserne setzte ich mich noch kurz zu den sanitären Räumlichkeiten ab. Dort angekommen stellte ich mich wie gewohnt in die Kabine und dort drinnen meinen Strahl in die Schüssel. Ich schüttelte dreimal und zog meinen Hosenbund zurück in seine angestammte Position. Mit dieser Bewegung fiel etwas unbekanntes in die Schüssel und in mein Werk hinab. Einen großzügigen Sicherheitsabstand wahrend versuchte ich herauszufinden was ich da verloren hatte.
Es waren zwei Patronenhülsen.
Beim MG-Schießen hatte ich von den insgesamt sieben verschossenen Patronenhülsen zwei Stück nicht wiederfinden können.
Ausbilder: „Entweder müssen Sie die Dinger suchen und finden, oder Sie lassen sie verschwinden.“
Vor dem Marmor stehend dachte ich still an diesen Satz, verabschiedete mich stumm von diesen Artefakten meines Ausbildungstages und schickte sie mit einem zufriedenen Lächeln per Knopfdruck auf ihre Reise in unbekannte Gefilde, ähnlich denen die mein Schicksal vermutlich noch für mich bereithalten mochte.

 

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal.

der_micha

P.S.: Bei der Bundeswehr steht die Sicherheit jedes einzelnen Soldaten an allererster Stelle.

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