Sep 19, 2012 - Allgemein    2 Comments

„Aaachtungg!“ – Bundeswehr 1

Freunde, vor langer Zeit, bevor unser ehemaliger Verteidigungsminister von-und-zu-Guttenberg die Wehrpflicht ausgesetzt hatte, wurde in regelmäßigen Abständen jungen Männern Post zugestellt. Damals, als das „HappyMeal“ noch „JuniorTüte“ hieß, als der Sprit (ich meine den für den Autotank, keine „Alkopops“) noch bezahlbar war, da ließ unser Vaterland nach uns schicken, uns ausbilden zu lassen zu Soldaten: schneidig wie Glas, hart wie Kruppstahl, verlässlich wie ein Spaten aus Schokolade.

Ich selbst hab mich schon damals nicht auf´s Internet (mit dessen fertigen Verweigerungsschreiben) verlassen und auch keine weiterführende Schule besucht um hintenangestellt zu werden. Ich habe völliges Neuland betreten und selbst ein solches Dokument verfasst. Ob dieses die zuständigen Stellen überzeugen konnte weiß ich nicht, da ich vergessen hab das gute Stück zur Musterung mitzunehmen. Alles, womit ich stattdessen aufwarten konnte, war ein ärztliches Attest, der belegte dass ich einen krummen Rücken hab und somit Einlagen tragen muss. Kommentar des Musterungs-Doc: „Sie sind ein Glückspilz, dank Ihrer Einlagen werden Ihnen die Kampfstiefel besser passen als jedem anderen und außerdem schon beinahe bequem sein.“ Du lieber Himmel, der Mann konnte einem echt alles verkaufen.
Somit bekam ich den Status „T2“, eingeschränkt wehrfähig. Beim Abschlussgespräch (mit jemand anderem) wurde mit wegwerfender Geste prophezeit, dass ich „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nichts mehr von dem Laden hören würde, denn ich war zu dem Zeitpunkt bereits voll berufstätig und angeblich gab es ohnehin genug Anwärter, die in der freien Wirtschaft ihr Glück versucht hatten, und es nun auch mal in der Institution versuchten wo „… nicht alle von uns Uniform tragen.“
An diesem Strohhalm klammerte ich mich eine Woche lang fest, begann meinem Gesprächspartner von damals Glauben zu schenken und bekam die Woche darauf Post 😛
Nun, und so machte ich mich auf um Soldat zu werden.  Zu dieser Zeit hatte ich noch die lose Hoffnung dass ich Talente hätte die mir (und allen anderen) bisher verborgen geblieben waren; oder sich wenigstens welche entwickeln würden, die mir meinen Aufenthalt dort erleichtern würden. Bis heute kann ich diesbezüglich auf nichts zurückgreifen.
Ich gehöre tatsächlich zu der Fraktion die ihre Zeit dort nicht missen möchte. Nochmal machen würde ich es allerdings auch nicht. Und dazu muss gesagt werden dass ich während der Grundausbildung überraschenderweise noch nachträglich ausgemustert worden bin. Worüber vermutlich nicht nur ich allein froh gewesen bin. Zumindest wurde auf diese Weise verhindert dass ich, über kurz oder lang, jemanden, oder etwas, noch weiter in Mitleidenschaft ziehen konnte als es in dieser kurzen Zeit schon passiert ist.
Zurechtgekommen bin ich soweit sogar ziemlich gut. Ziemlich…

Wir begannen unsere Zeit bei der Bundeswehr mit dem Beziehen unserer Quartiere, genannt „Stuben“. O-Ton unseres Ausbilders: „Meine Herren: ab heute wohnen Sie in „Stuben“, „Zimmer“ heißen die Räumlichkeiten in denen Sie Bares auf dem Tresen liegen lassen sobald Sie fertig sind, anstatt, wie hier bei uns, welches zu bekommen. Derjenige der unfähig ist sich richtig auszudrücken hält einen Vortrag über die signifikanten Unterschiede.“ Ich fand´s etwas schade dass ein solcher Versprecher niemandem (in Hörweite eines Ausbilders) unterlaufen ist, denn ich wäre neugierig gewesen auf die Unterschiede zwischen unseren Stuben und einem durchschnittlichen Frisör- oder Massagesalon (diese „Zimmer“ meinte er doch, oder?), denn sowohl kurze Haare als auch Muskelkater trafen über kurz oder lang auf jeden von uns zu.

Und eine der ersten Sachen die wir nach dem Einkleiden und dem Einzug in besagte Stuben lernten war, wie man als Soldat Meldung machte sobald ein Dienstgrad anwesend war.

Vorweg eine kurze Erklärung:
Beim sogenannten „Stillgestanden!“ / „Aaachtungg!“ steht ihr möglichst gerade, die Hacken berühren sich und zwischen den restlichen Füßen hat, Zitat unseres Ausbilders, „locker ´ne Bierflasche Platz“. Eure Handflächen landen mit einem zackig-adretten Klatschen auf euren Oberschenkeln, die Fingerkuppen liegen auf der oberen Naht der Beintaschen an, „der Blick ist frei geradeaus!“.
Beim sogenannten „Rührt euch.“ hingegen stehen die Füße schulterbrei auseinander, die Arme liegen locker hinter´m Rücken an, die linke Hand umfasst das rechte Handgelenk.

Wenn also ein Dienstgrad eure Bude betritt plärrt der am nächsten stehende Rekrut ein „Aaachtungg!“, diesen Hinweis sollten die restlichen Rekruten zum Anlass nehmen und sich möglichst zeitnah in die oben erläuterte Position begeben. Anschließend beginnt Erstgenannter Auskunft darüber zu geben in welche Stube sich der Dienstgrad diesmal verirrt hat, wieviele Soldaten gewöhnlich dort nächtigen, wieviele derzeit anwesend sind und was die anwesenden grad so treiben. Im Optimalfall zumindest, sofern man sich vorbereitet hatte, denn wie so oft (eigentlich immer) gab es eine vorgefertigte Anleitung:
„Panzergrenadier [hier Namen eintragen]! Ich melde Stube [hier Nummer eintragen]! Mit [hier Anzahl eintragen] Mann belegt! [Anzahl] Mann anwesend!, [Beschäftigung der Männer]!, Herr [Dienstgrad]!“

Bei mirselbst ließ der reibungslose Ablauf noch ein wenig zu wünschen übrig, aber da ich ein optimistischer Mensch war hoffte ich das beste.

Gerade als wir dabei waren unsere neuen Spielsachen (z.B. Gasmaske und Klappspaten) zu begutachten, hörten wir Stiefelschritte auf dem Flur. Die Klinke wurde, einem Korkenzieher gleich, bis zur Belastungsgrenze in der Tür gedreht. Diese flog auf und kollidierte brutal mit dem Gestell unseres Hochbettes. Scheinbar passierte dies nicht das erste Mal, denn am braunlackierten Gestell klebte bereits mehr olivgrüne Türfarbe als an selbiger auf gleicher Höhe noch zu finden war. Vermutlich war der einzige Grund, weshalb das gesamte Bett an Ort und Stelle stehengeblieben war, der, dass es auf der gegenüberliegenden Seite bereits mit Oberkante – Untergrenze an der Wand stand.
Der uniformierte Hühne, der beim Eintreten auf Höhe des Türrahmens aus gutem Grund den Kopf eingezogen hatte, erhob sich im Staub des von der Decke rieselnden Putzes zu seiner vollen Breite, ließ prüfend den Blick durch den Raum schweifen und entdeckte als erstes… mich.
Mein Kamerad schien mir die Vorstufe zum Herzanfall anzusehen, denn er ließ zackig ein „Aaachtungg!“ ertönen, womit er die restlichen Rekruten (der „Rest“ beschränkte sich auf mich, und ich hatte den Neuankömmling bereits zur Genüge registriert) darauf aufmerksam machte dass ein Dienstgrad anwesend war, und begann mit überschlagender Stimme (wir alle waren im Vorfeld deutlichst instruiert worden: „wenn Sie in diesem Laden die Klappe aufmachen, dann machen Sie das gefälligst so laut sie können!“) seine Meldung runterzurattern.
(Ihr habt schon gemerkt: die meisten der beim Bund gesprochenen Sätze enden mit einem beinahe fühlbaren Ausrufezeichen.)
„Panzergrenadier Witwicky! Melde Stube 8! Mit zwo Mann belegt! Zwo Mann anwesend! Räumen ein!, Herr Feldwebel!“
Der eingetretene Feldwebel wusste ebenso wie ich dass ich die Meldung hätte machen müssen, denn unser beider Blicke (meiner vor Entsetzen vermutlich gut sichtbar geweitet) hatten sich weitaus früher getroffen, beziehungsweise als einzige, denn er hatte Panzergrenadier Witwicky bis dato keinerlei Beachtung geschenkt. Ganz im Gegenteil zu mir, denn er kam mit gerunzelter Stirn näher und schaute mit wachsender Faszination an meiner Gestalt  auf und ab.
Zuerst kapierte ich den Grund seines Interesses nicht, denn Witwicky und ich waren beide wie gewünscht synchron in Stellung gesprungen. Doch dann konnte ich einen Seitenblick zu meinem Kameraden nicht verhindern. Dieser stand wie in Stein gemeißelt in vorgeschriebener Position, alle Gliedmaßen waren dort wo sie hingehörten.
Ich horchte in mich hinein und ein beunruhigendes Gefühl überkam mich. Ich wusste wie ich zu stehen hatte, aber es fühlte sich anders an als es sollte…
Mit einer bösen Vorahnung lugte ich an mir herab. Es wäre völlig in Ordnung gewesen einen nassen Fleck in meinem Schritt zu entdecken, überrascht gewesen wäre ich jedenfalls nicht. Stattdessen glitt mein Blick weiter zum Boden hinab und ich sah… den Boden! Nicht die gestiefelten Enden meiner in der Tarnuniform steckenden Beine. Diese standen zwar auch unter mir, aber schulterbreit auseinander!
Mein Oberkörper stand im „Aaachtungg!“, mit an die Oberschenkel genagelten Handflächen. Vom Gürtel an abwärts stand ich allerdings im „Rührt euch“. Ich hatte, unbemerkt und unbeabsichtigt, mit mirselbst fusioniert, hatte zwei Stellungen zu einer einzigen vereint!
Da die Welt sich weiterdrehte, obwohl ich sie mit dieser Verschmelzung in ihren Grunfesten erschüttert haben musste, wandte ich meinen Blick ruckartig wieder geradeaus, ohne zu blinzeln. Die läppischen Worte der ausstehenden Meldung waren bis auf weiteres gründlich aus meinem Gedächtnis gelöscht.
„Ich weiß zwar nicht was das sein soll, aber seit ich in diesem Verein hier tätig bin hab ich sowas noch nicht gesehen“, erkärte mir mein vor mir stehender Vorgesetzter mit grollendem Unterton in der Stimme.
Ohne weitere Umschweife drehte er sich um und stürmte hinaus (was seine normale Fortbewegungsart zu sein schien). In sachlichem Tonfall erklärte er der Tür: „Gott stehe Ihnen bei wenn das noch einmal passiert.“ (Die Tatsache dass gerade dieser Satz ohne Ausrufezeichen endete erfüllte mich mit mehr Sorgen als jedes Zusammenbrüllen es hätte tun könnn.)
Mit diesen Worten warf er die Tür hart genug in´s Schloss um ein weiteres Stück Putz aus der Wand bröckeln zu lassen.
Nicht nur dass er kein Wort darüber verloren hatte dass der Falsche die Meldung gemacht hatte kam mir reichlich suspekt vor, nein, der Richtige (nämlich ich) hatte zudem überhaupt nichts gemacht 😛
Prima, ich hatte einen unserer Ausbilder in den ersten Minuten unseres Zusammentreffens zwar gewiss nicht aus der Bahn geworfen, seiner gewohnten Vorgehensweise aber einen ähnlich  Stoß versetzt. Ohne ihn zu berühren. Vielleicht hab ich ja doch Superkräfte…
Und wisst ihr was das aller-seltsamste war? Trotz der Tatsache dass unser Ausbilder die Bude hinreichend genug demoliert hatte um ein Neuverputzen der Wand zu rechtfertigen (zum Beispiel damit verhindert wurde dass der nächste Glückpilz, der die Tür zu öffnen versuchte, direkt von selbiger erschlagen wurde weil sie ihm entgegenfällt)… trotzdem hatte ich nach wie vor den Eindruck dass der Mann gute Laune gehabt hatte. Ich war mir sicher dass man es jemandem wie ihm sehr schnell anmerkte, sobald das Gegenteil der Fall war.

So verlief also mein Einstieg in meinen Wehrdienst. Weitere Folgen folgen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit 🙂
der_micha

 

2 Comments

  • Smilies sind korrigiert.
    Und lass ja die Absätze drin. Die machen den Text leichter lesbar

  • Oh mein Gott! Einfach nur Göttlich! xD
    Ich habe tränen in den Augen, weil ich so derbe lachen muss 😀

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