Sep 16, 2012 - Allgemein    No Comments

Ein ungeplanter Samstag Abend

Eigentlich war für meine Abendplanung nicht allzuviel vorgesehen, die tragendste Rolle sollte in erster Linie meine Couch spielen.
Ihr kennt das bestimmt… nach dem Aufstehen aus dem Bett steigt ihr vom Sofa in´s wartende Auto, und macht euch auf den Weg zum gemeinsamen Abendessen in freundschaftlicher Runde.
Unversehens findet ihr euch im Kreise feucht-fröhlicher Stimmung wieder, untermalt von den (stellenweise) vertrauten Klampfen-Klängen eines seltsamen Schotten, der dieses Mal zur Abwechselung nicht auf Socken die Bühne gestürmt hatte, so wie das das letzte Mal der Fall gewesen war, sondern sich für den unvermeidlichen Gang auf´s Herren-WC gewappnet und sich festes Schuhwerk unter die Füße gebunden hat.
In gut- gelauntem Enthusiasmus bestelle ich ein alkoholfreies Weizen. Ob ich das auch bekommen hab weiß ich bis heute nicht (also das „alkoholfreie“), denn dazu gönne ich mir ein Gläschen Whiskey-Cola auf Eis, welches ich parallel genieße. Ich muss noch Auto fahren, deshalb kippe ich beide Gläser mit gebotener Vorsicht hinunter, und rede mir ein dass es weniger stark wirkt wenn ich mir nur genug Zeit lasse. Denn schmecken tut es leider.
Kurz darauf sind sämtliche Flüssigkeiten in meinem Einzugsbereich mit Wohlwollen aufgenommen. Traditionell verlangt es mich nach widerlich- schmeckendem, heißem Rauch, den ich zuerst in meine Mundhöhle einsauge und, nachdem ich mir mein Zungenbändchen hinreichend verbrannt habe, wieder sinnfrei fortblase. Ich schaffe den halben Zigarillo bevor sich mein Kreislauf mit Übelkeit und Kopfweh bedankt. Daran ist selbstredend der Rauch Schuld, keinesfalls wird mein Körper vom ungewohnten Alkoholkonsum gebeutelt.
Mein Kopf erinnert mich über die rapide- schwindende Fähigkeit meinen Blick zu fokussieren daran, dass ich für einen Fahrer schon genug intus habe. Ich werfe mein Urteil darüber in den Raum, dass der Whiskey-Cola-Mix wahrhaft mundet und ärgerlicherweise schon alle ist. Flux steht ein frisches Glas des edlen Tropfens vor mir. Mh, ok…. einer geht noch.
Bei der Hälfte merke ich, dass ich heute besser keine längeren Strecken auf vier Reifen mehr zurücklegen sollte, sofern ich damit auch ab morgen noch weitermachen möchte.
Das Lokal leert sich, vermutlich geht es den meisten Gästen wie uns: Alkohol macht Appetit.
Wir jetten zum nächstliegenden Fresstempel rüber. Dort wird zünftig gespeist, quasi eine nachträgliche Grundlage geschaffen. Nachdem unser Gewinner-Frühstück, mit dem Besten aus den Kategorien Fett, Kohlenhydrate, Fett, Ballaststoffe und Fett niedergekämpt ist, wird die Heimreise angetreten. Die anwesenden Krieger werden ungleichmäßig auf den Fuhrpark verteilt.
Auf dem nach-Hause-Weg ereilt mich, um 2.00 uhr morgens, die Nachricht, dass die Clubs im Nachbarort überraschenderweise noch nicht geschlossen haben. „Kommst rüber?“, fragt ein Bekannter aus dem Nachbarort. Jup, der Morgen ist schließlich noch jung; bin dabei.
Ich drehe noch eine Runde um den Pudding, und checke erneut in die kurz zuvor verlassene Lokalität ein. Bin auf den genialen Gedanken gekommen, dass sich hier eine Kombination aus Blase-entleeren und Koffein-Nachschub-holen anbietet. Ich bringe das eine weg und hole das andere ran.
Frisch entlastet und ausgerüstet lasse ich mich auf den Fahrersitz fallen. Wenn man möglichst direkt auf die Hauptstraße möchte, muss man links abbiegen und, verbotener Weise, eine Verkehrsinsel passieren. Normalerweise würde ich, wenn ich nach Hause wollte, eben links abbiegen und so tun als hätte ich weder die Insel, noch das Verbotsschild gesehen. Ich leite eben diesen Vorgang ein, sehe die Insel von neben mir nach hinter mir verschwinden. Nun fällt mir ein, dass ich es eigentlich auf die Autobahn abgesehen habe. Kein Grund zur Panik, halten wir uns, entgegen des vorherigen Planes, einfach spontan rechts. Und so fuhr ich angetrunken entlang einer langen Verkehrsinsel auf der falschen Fahrspur in die richtige Richtung.  Zu meiner eigenen Überraschung hatte das Schicksal ein Einsehen mit mir, und verzichtete darauf mir ein Auto mit blauen Streifen und Lampen (oder wahlweise auch irgendein anderes) entgegenzuschicken, um in gespannter Erwartungshaltung zu sehen was passierte.
Stattdessen bewies ich zur Abwechslung mal Geistesgegenwart, bremste human ab, wechselte in den Rückwärtsgang und fand bereits nach wenigen Minuten in meine angepeilte Himmelsrichtung zurück, lobenswerterweise diesmal gar innerhalb der gesetzlich dafür vorgeschlagenen Fahrspur auf der richtigen Seite der Insel. Ich gratulierte mir gerechtfertigterweise selbst und gab Schub.
Allerdings nicht besonders lange. Zwei Straßen weiter fädelte sich ein Rettungswagen auf der Straße vor mir ein. Er war mit zahmer Geschwindigkeit und ohne Blaulicht unterwegs, deshalb sprach meiner Meinung nach nichts dagegen ein vernünftiges Überholmanöver einzuleiten. Dagegen hatte der Rettungswagenkommandant hinter´m Lenkrad ebenfalls nichts, mehr noch: Er brachte mir ein solches Desinteresse entgegen, dass er mich unbemerkt beinahe von der Straße gedrängt hätte, weil seine Geradeausfahrt eine starke Tendenz in Richtung meiner Fahrspur aufwies. Was macht ihr so, wenn ihr grad auf gleicher Nasenhöhe mit einem Streitwagen seid, der dreimal so schwer ist wie eure eigene Hämorridenschaukel? Die flache Hand ausstrecken und laut und deutlich „Stopp“ befehlen? Also ich nicht. Ich beschränkte mich also auf „dudämlichertrottel,riskierwährendderfahrtgefälligst zwischendurchmalnenblicknachvorn-umdichzuvergewisserndassduimmernochalleineaufdiesembetonierten_zweireihigen_wegunterwegsbist.undwoduschondabeibist: guckgefälligstauchzumseitenfensterraus!“ Ob es geholfen hat? Keine Ahnung, der Typ hat mich nicht ausreden lassen. Als er so weit auf meine Fahrspur rübergekommen war, dass er bequem von seinem Fahrer- auf meinen Beifahrersitz hätte wechseln können, musste ich dann doch den Anker werfen und nachprüfen ob der Sicherheitsgurt das hielt (also mich), was die Werbung versprochen hatte.
Als ich geräuschvoll eine halbe Handvoll Gummi auf der Straße gelassen hatte, wagte es der Fahrer doch tatsächlich mal aufzusehen. Ich konnte überraschend gut sein Gesicht erkennen. Könnte daran gelegen haben, dass es vom matten Lichtschein eines protokollierten Dialoges stammte: der Mann hatte schlichtweg wichtigeres zu tun gehabt, als dem Verkehr um ihn herum Aufmerksamkeit zu schenken: er bediente sein Mobiltelefon.
Ich war nichtmal sauer, nein. Immerhin riskiert man  _mal_ einen kurzen Blick auf das Telefon, bei mäßigem Verkehr. Aber am Steuer eines Krankenwagens? In der Innenstadt? Gut, man konnte natürlich auch einfach selbst dafür sorgen, dass man immer genug zu tun hatte, indem man selbst für Kundschaft sorgte…
Zu meiner Erleichterung verlief die restliche Überfahrt in beinahe verdächtiger Harmonie.
Im Nachbarort angekommen stellte ich mein Gefährt am Straßenrand ab und macht mich auf die Suche nach meinem konkreten Ziel.
Es war eine Lokalitä,t deren Inneres von der Straße aus durch großzügige Schaufenster einsehbar war und verhältnismäßig einladend wirkte.
Ich spurtete mit neu gewonnener Euphorie zum Eingang, wo mich der stellvertretender Oberschützengrenadier der lokalen Security mit skeptischem Blick musterte. Sein Urteil fiel nicht zu meinen Gunsten aus: „SSggttlleidrrrrnischtt“. Verdutzt schaute ich dem Wachmenschen entgegen. „Wie bitte?“, frage ich mit vorsichtigem Interesse nach. – „Ddasssggttleiderrrnnischtt“, nuschelte er diesmal weitaus verständlicher, und wies mit einer Handbewegung auf mein Outfit.
Ich folgte seiner Geste, und versuchte nachzuvollziehen was der Grund des Anstoßes sein könnte. Ich konnte mit halbwegs sauberen Skaterschuhen aufwarten, frischgewaschener Unterwäsche und Jeans mit gleichem Status, fabrikneues Shirt. Ach ja, und mein wärmendes Kleidungsstück des Abends: mein Wacken-Pulli. Ein schwarzer Kapuzenpullover, über und über mit teufelsbejahenden Zahlen und Symbolen bedeckt. Hm, ja, war ein Ansatzpunkt.
Der Panik nahe frage ich in kompromisssuchendem Tonfall „ob es ok wäre wenn ich den Pulli im Auto lasse?“.
„Wsshsstdrrrnntrrrr?“. Ich brauche einen Moment um die fehlenden Vokale nachträglich einzusetzen. Ich öffne den Pulli und gebe den Blick frei auf ein dunkles Longshirt mit sinnfreiem Schriftzug.
„Dsssgghhhttt“, klärt er mich auf und winkt mich durch; mit Pulli. Ich zügle meinen Drang für diese unermessliche Großzügigkeit vor ihm auf die Knie zu fallen, denn ich muss mal wohin.
Und wieder eine Hürde geschafft. Jetzt graute es mir nur noch vor denen, auf die ich im Laufe des Abends vermutlich noch stoßen würde.
Meine erste Amtshandlung als offiziell freigegebener Gast ist eine Sightseeing-Tour durch die sanitären Einrichtungen.
Ihr kennt das bestimmt auch: ihr könnt euch jeden beliebigen Club, jede Kneipe aussuchen: Die WCs sehen ebenso aus wie ihre Bestimmung: beschissen. Im Optimalfall führt eine Treppe entweder hinauf oder hinab in genannte Katakomben. Die heutigen wussten bereits im Vorfeld zu glänzen: Die Treppenstufen waren mit mehreren Lagen nassem Toipapier bedeckt. Zuzüglich zum Alkohol machte sich langsam Sorge in mir breit, dass eventuell nicht mehr genug des kostbaren weißen Goldes im entsprechenden Spender zur Verfügung stehen würde. Prächtig. Ich hatte zwar nichts großes vor, allerdings funktioniert auch das Kleine mit großem Abstand am besten, wenn die Möglichkeit der anschließenden Trockenlegung besteht. Kurz darauf kam ich in der Kabine an, und die Erleichterung machte sich breit: nicht nur war genug vorhanden, nein, sogar zum Hände-Abtrocknen würde es noch reichen. Ich hatte einen regelrechten Durchmarsch und fühlte mich gottgleich.
Zurück an der Bar grübelte ich, was ich mir bestellen sollte. Ich horchte prüfend in mich hinein und war mit mirselbst einig dass ich, für einen Fahrer nicht nur genug, sondern bereits zuviel drin hatte.
Die attraktive Barkeeperin schreit mir lächelnd ins Ohr, was sie für mich tun kann. Ich versuche, mich nicht von ihrem Schmollmund ablenken zu lassen, und mich auf meine Bestellung zu konzentrieren: Wofür entscheide ich mich? Ich entscheide mich dafür ihr zu suggerieren, dass ich ein unerschrockener Wikinger (ich trage ja neuerdings Bart) bin: „Bailey´s bitte!!!!“, brülle ich höflich zurück. Hat´s geklappt? Ja… fast: hab ein Beck´s serviert bekommen. Aber den Anfangsbuchstaben hab ich verständlich rüberbringen können.
Ich habe gerade noch genug Zeit mir einen neuen, vermutlich ähnlich glorreichen, Plan zurechtzulegen, als das Lokal und ich ein weiteres Stadium teilen: es wird dichtgemacht.
Ich mache mich auf zur nächsten Anlaufstelle für gesellschaftliche Abgründe, und werde in der nächsten Straße fündig. Vor deren Eingang sind diverse Bänke aufgstellt, auf denen beängstigende Gestalten herumlungern. Ich mache mich auf den Weg zum Eingang und bin froh über den Anblick der Türsteher, die ja den soeben von mir gesichteten Typus Mensch fernhalten sollen. Dachte ich zumindest. Durch die Glastür mache ich im Inneren Gestalten gleicher Sorte aus wie derer, denen ich im Bänke-Bereich großzügig ausgewichen bin. Ich stelle fest dass die Türsteher ihren Job sehr ernst nehmen, denn sie sorgen zweifellos dafür, dass die Türen stehen bleiben und sie niemand stiehlt. Würde nämlich reichlich dämlich aussehen, wenn das Tanzlokal im Morgengrauen die Pforten schließen will und eben diese gar nicht mehr da sind.
Pff, und ich hatte mir schon Sorgen gemacht welches Kleidungsstück ich diesmal vorzeigen muss, um Einlass gewährt zu bekommen.
Drinnen angekommen bahne ich mir einen Weg durch die Menschenmassen, um das komplett- unbekannte Terrain zu erkunden. Ich brauche einen Moment um zu begreifen, dass keine Zauberei vonnöten ist wenn ich verschiedene Durchgänge passiere und trotzdem immer wieder an denselben Tresen vorbeikomme: der Laden ist rund. Das muss einem ja auch mal gesagt werden… :-/
Ansonsten war mein Ersteindruck des Tanzlokals durchaus positiv. Auch diese sanitären Bereiche waren, gemessen an der Tatsache dass niemand für den Einlass in das Lokal zur Kasse gebeten wurde,… zweckmäßig (das durchweichte, auf dem Boden drapierte Toipapier war nur bis zur Türschwelle gekommen). Aber selbstverständlich blieb ich meinen Traditionen und Angewohnheiten treu: ich lernte neue Leute kennen. Kaum hatte ich mich an einer taktisch günstigen Position am Urinal positioniert, ging die Tür auf und eine, von diversen Betäubungsmitteln angeschlagene, Stimme stellte treffend fest: „…und er ist ganz allein hier drin…!“. Ich schloss die Augen und hoffte das beste. Mit zähfließender Fröhlichkeit antwortete ich: „Jetzt nicht mehr…!“. Er gesellte sich neben mich und so standen wir nebeneinander vor den Becken des Schicksals, Krieger des Lichts gleich, und gaben alles was wir hatten.
In solcherlei Situation bin ich, wenn vonnöten, um belanglosen Smalltalk bemüht. „Isses immer so voll hier?“. Um meine Neugier aus diesem Satz herauszufischen hätte man keinen besonders großen Löffel benötigt. – „Immmaaa, egal an welchem Tag der Woche, wenn offen dann is voll hier“, klärte er mich auf, was offenbar auch in Teilen auf meinen Urinalgefährten selbst zutraf. „Du kriegst hier Frauen in jedem Alter“, prophezeite er. Nun, ein interessanter Anfang für mich. Endlich mal interessante WC-Gespräche ohne die Erwähnung meines Schwengels. „Du kannst deinen Lachs in alles reinstecken was nicht schnell genug weglaufen kann, mein Wort drauf!!“. Tadaa, soviel dazu. Resignation, welcome back.
Auf dem Weg zum Waschbecken öffnete er nacheinander die Kabinentüren (die Vorstellung hier einen Türknauf zu berühren brachte mich bereits in Gedanken dazu drei Runden im Kreis zu kotzen; mein Mitstreiter war da weitaus weniger schmerzempfindlich) und schien jedes Mal enttäuscht von deren Leere derselben zu sein. Meine Fantasie kapitulierte vor der Vorstellung was passieren würde, wenn er dort drin tatsächlich mal jemanden vorfand.
Sei´s drum, ich verabschiedete mich höflich und trat die Flucht zur Seite an. Während ich die Tür umständlicher öffnete als nötig war, um ja nichts anfassen zu müssen (vermutlich gab es für das Gros der in diesem Laden verfügbaren Krankheiten noch kein wirksames Gegengift), versuchte Leutnant Lachs gerade vergeblich dem Gebläse des Händetrockners Papier zu entlocken.
Die Hütte war dermaßen überfüllt, dass nicht nur auf der Tanzfläche, auf Bänken, Tischen und Stühlen gesteppt wurde, nein, auch der Flur musste herhalten. Es gab einfach nicht genügend Platz, es war viel zu eng. Eine Hundertschaft von Ellenbögenstößen später hatte dann selbst ich genug und strebte den Rückweg an.
Die Rückfahrt gestaltete ich nach Priorität: wenn man betrunken ist und verdächtig langsam und vorschriftsmäßig fährt wird man angehalten, und muss gute Argumente mitbringen weshalb es keinen Grund gibt in ein Röhrchen zu pusten. Wenn man zu schnell unterwegs ist und nicht auffällt bekommt man im ungünstigen Fall Post mit aktuellem Passfoto. Also fuhr ich in gemächlicher Raserei gen Heimat.
Das Sahnehäubchen erwartete mich in meiner Nachbarschaft. Die Fensterreihen waren fast vollständig von Dunkelheit erfüllt, bis auf eines, in welchem ich von mattem Lampenschein beleuchtete Schafe erspähen konnte. Ein Kinderzimmer.
Ich war zu dieser unchristlichen, frühen Uhrzeit noch wach weil ich feiern war und mich auf gewohnt grenzwertig-debile Art unterhalten habe. Mein Nachbar hatte Nachwuchs und war zu dieser Uhrzeit ebenfalls noch wach, musste sich seinen Spaß allerdings zu anderen Uhrzeiten suchen. Gott, bin ich froh dass ich keine Kinder hab.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und bis zum nächsten seltsamen Abend
der_micha

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